Nach einer Humerusfraktur bleibt oft die bange Frage, ob die Schulter oder der Arm dauerhaft eingeschränkt sein wird und welcher Grad der Behinderung daraus entstehen kann. Eine feste Zahl gibt es nicht, denn bewertet werden nicht der Bruchname oder die Operation, sondern die verbleibenden Funktionsstörungen. Ich zeige, welche Richtwerte Orientierung geben, wann ein GdB von 50 denkbar ist und wie der Antrag in Deutschland sinnvoll vorbereitet wird.
Entscheidend ist die dauerhafte Funktion des Arms
- Kein pauschaler GdB wird allein für eine Humerusfraktur vergeben.
- Bei einer Armhebung bis 120 Grad nennt die VersMedV als Orientierung einen Wert von 10, bis 90 Grad einen Wert von 20.
- Eine günstige Versteifung der Schulter liegt bei etwa 30, eine ungünstige bei 40 bis 50.
- GdB 50 und damit Schwerbehinderung sind bei einem isolierten, gut verheilten Bruch eher ungewöhnlich.
- Für die Entscheidung zählen Befunde wie Beweglichkeit, Kraft, Schmerzen, Nervenschäden und die Dauer der Einschränkung.

Warum es keinen festen GdB für den Bruch gibt
Die Frage nach dem Grad der Behinderung bei einer Humerusfraktur lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl beantworten. Die Versorgungsmedizin-Verordnung bewertet die Auswirkungen einer Gesundheitsstörung auf die Teilhabe am Alltag. Der Knochenbruch selbst ist also nur der Ausgangspunkt.
Entscheidend ist, ob nach der Heilungsphase eine relevante Einschränkung bleibt. Dazu gehören zum Beispiel eine begrenzte Armhebung, fehlende Außenrotation, Kraftverlust, Bewegungsschmerzen oder eine dauerhafte Instabilität. Auch eine Schädigung des Nervus radialis, der unter anderem die Streckung von Hand und Fingern beeinflusst, kann die Bewertung deutlich verändern.
Ein unkomplizierter Bruch, der vollständig verheilt und wieder eine nahezu normale Armfunktion erlaubt, führt häufig zu keinem dauerhaften GdB. Eine vorübergehende Schonhaltung während der ersten Wochen oder Monate reicht normalerweise nicht aus. Maßgeblich ist eine Beeinträchtigung, die voraussichtlich länger als sechs Monate besteht oder dauerhaft zurückbleibt.
Aus meiner Sicht liegt hier das häufigste Missverständnis. Viele Betroffene rechnen mit Punkten für die Operation, die Platte oder die Länge der Rehabilitation. Diese Faktoren können wichtig sein, ersetzen aber nicht die funktionelle Untersuchung.
Welche Richtwerte bei Schulter und Oberarm Orientierung geben
Für Schäden an der oberen Gliedmaße enthält die VersMedV Vergleichswerte. Sie sind keine automatische Zusage für den eigenen Bescheid, helfen aber dabei, die Größenordnung einzuschätzen. Beim GdB werden die medizinischen Auswirkungen nach denselben versorgungsmedizinischen Grundsätzen beurteilt.
| Verbleibende Einschränkung | Orientierungswert | Was das praktisch bedeutet |
|---|---|---|
| Armhebung nur bis etwa 120 Grad mit eingeschränkter Dreh- und Spreizfähigkeit | 10 | Der Arm kann noch über Schulterhöhe bewegt werden, bestimmte Tätigkeiten sind aber erschwert. |
| Armhebung nur bis etwa 90 Grad mit eingeschränkter Dreh- und Spreizfähigkeit | 20 | Überkopfarbeiten und das Ankleiden können deutlich schwieriger werden. |
| Versteifung der Schulter in günstiger Stellung | 30 | Der Arm ist dauerhaft eingeschränkt, bleibt aber in einer brauchbaren Position. |
| Versteifung in ungünstiger Stellung oder zusätzlich gestörter Schultergürtel | 40 bis 50 | Die Gebrauchsfähigkeit des Arms ist deutlich reduziert. |
| Straffe Oberarmpseudarthrose | 20 | Der Bruch ist nicht normal knöchern verheilt, bleibt aber relativ stabil. |
| Schlaffe Oberarmpseudarthrose | 40 | Es besteht eine deutlich instabile Fehlheilung mit erheblicher Funktionsstörung. |
| Stärkere Bewegungseinschränkung des Ellenbogens | 20 bis 30 | Neben der Schulter kann auch das Beugen, Strecken oder Drehen des Unterarms betroffen sein. |
Die Werte zeigen, warum ein Bruch im oberen Oberarm anders beurteilt werden kann als ein Schaftbruch. Liegt die Fraktur nahe am Schultergelenk, ist die Armhebung oft besonders wichtig. Bei einem Humerusschaftbruch stehen dagegen Fehlstellungen, eine Pseudarthrose, Kraftverlust oder eine Nervenverletzung stärker im Vordergrund.
Auch eine Schulterprothese nach komplizierter Fraktur kann berücksichtigt werden. Für eine einseitige Schulterendoprothese nennt die Tabelle einen Mindestwert von 20, wobei eine eingeschränkte Beweglichkeit, Nervenschädigung oder deutliche Muskelminderung einen höheren Wert rechtfertigen kann.
Wann ein GdB von 50 realistisch wird
Als schwerbehindert gilt in Deutschland, wer einen GdB von mindestens 50 hat. Ein einzelner, gut verheilter Oberarmbruch erreicht diese Schwelle meist nicht. Realistischer wird sie bei einer schweren dauerhaften Einschränkung, einer ungünstigen Versteifung, einer instabilen Pseudarthrose oder zusätzlichen Schäden an Nerven und benachbarten Gelenken.
Ein GdB von 50 kann außerdem durch mehrere Gesundheitsstörungen entstehen. Dabei werden die Einzelwerte jedoch nicht einfach addiert. Ein Schulterwert von 30 und ein Ellenbogenwert von 20 ergeben also nicht automatisch 50. Bewertet wird die Gesamtwirkung im Alltag, wobei Überschneidungen berücksichtigt werden.
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Diese Faktoren beeinflussen die Einschätzung
- Bewegungsumfang: Wie weit kann der Arm aktiv gehoben, abgespreizt und gedreht werden?
- Belastbarkeit: Können Gegenstände getragen, gehalten oder über längere Zeit bewegt werden?
- Kraft und Feinmotorik: Gibt es einen nachweisbaren Kraftverlust oder Probleme bei Hand- und Fingerbewegungen?
- Schmerzen: Treten sie nur bei Belastung oder auch in Ruhe und nachts auf?
- Fehlstellung und Heilungsverlauf: Ist der Bruch stabil verheilt oder besteht eine Pseudarthrose?
- Alltagsfolgen: Wie wirken sich die Beschwerden auf Waschen, Anziehen, Kochen, Haushaltsarbeiten oder die berufliche Tätigkeit aus?
Ob der rechte oder linke Arm betroffen ist, kann im Alltag eine Rolle spielen, besonders bei der beruflichen Nutzung. Der dominante Arm führt aber nicht automatisch zu einem höheren GdB. Entscheidend bleibt, wie groß die funktionelle Einschränkung tatsächlich ist.
So bereiten Sie den Antrag beim Versorgungsamt vor
Den Antrag auf Feststellung des GdB stellen Sie bei der zuständigen Behörde Ihres Bundeslandes, häufig beim Versorgungsamt oder einer vergleichbaren Landesstelle. Ich würde nicht nur die Diagnose „Humerusfraktur“ eintragen, sondern die konkreten Folgen möglichst genau beschreiben.
- Alle behandelnden Stellen angeben. Dazu gehören Krankenhaus, Orthopädie, Unfallchirurgie, Reha, Physiotherapie und gegebenenfalls Neurologie.
- Unterlagen beifügen oder deren Anforderung erlauben. Wichtig sind Operationsberichte, Röntgenbefunde, Entlassungsberichte, Reha-Berichte und aktuelle ärztliche Stellungnahmen.
- Bewegungswerte dokumentieren lassen. Angaben zur Armhebung, Drehung, Kraft und Ellenbogenbeweglichkeit sind hilfreicher als allgemeine Aussagen wie „Schmerzen bei Belastung“.
- Alltagsbeschränkungen schildern. Schreiben Sie konkret, ob Sie sich allein anziehen, Haare waschen, einkaufen oder Gegenstände über Schulterhöhe erreichen können.
- Die Dauer beachten. Ein Antrag kann frühzeitig sinnvoll sein, wenn eine länger als sechs Monate dauernde Einschränkung absehbar ist. Eine vorübergehende Heilungsphase genügt normalerweise nicht.
Ein häufiger Fehler ist, nur den Arztbrief mit der Diagnose einzureichen und die praktischen Folgen wegzulassen. Gerade bei älteren Menschen wirken sich Einschränkungen beim Aufstehen, Ankleiden oder sicheren Gebrauch einer Gehhilfe oft stärker aus als ein einzelner Messwert. Diese Auswirkungen sollten im Antrag sachlich und mit Beispielen beschrieben werden.
Wird der Antrag abgelehnt oder zu niedrig bewertet, kann grundsätzlich innerhalb eines Monats Widerspruch eingelegt werden. Dann lohnt sich eine Akteneinsicht, weil daraus hervorgeht, welche Befunde die Behörde berücksichtigt oder übersehen hat.
Was Schwerbehinderung und Gleichstellung praktisch bedeuten
Ab einem GdB von 50 kann ein Schwerbehindertenausweis beantragt werden. Daraus können je nach Merkzeichen und persönlicher Situation verschiedene Nachteilsausgleiche entstehen. Eine Einschränkung am Arm führt allerdings nicht automatisch zum Merkzeichen G, denn dieses bezieht sich vor allem auf die erhebliche Einschränkung der Gehfähigkeit.
Liegt der GdB bei 30 oder 40, kann bei gefährdetem oder nur schwer zu erlangendem Arbeitsplatz eine Gleichstellung mit schwerbehinderten Menschen beantragt werden. Zuständig ist dafür die Agentur für Arbeit. Die Gleichstellung kann insbesondere beim Kündigungsschutz und bei Hilfen zur Sicherung des Arbeitsplatzes wichtig sein, sie vermittelt aber keinen Schwerbehindertenausweis und keinen Anspruch auf Zusatzurlaub.
Für Seniorinnen und Senioren ist außerdem wichtig, GdB und Pflegegrad nicht zu verwechseln. Der GdB beschreibt die langfristige Teilhabebeeinträchtigung. Beim Pflegegrad geht es dagegen darum, wie viel Unterstützung eine Person im Alltag bei Selbstversorgung, Mobilität und anderen Lebensbereichen benötigt. Beides kann nebeneinander bestehen und wird getrennt beantragt.
Die wichtigste Zahl ist die verbleibende Armfunktion
Nach einer Humerusfraktur gibt es keinen automatisch feststehenden GdB. Eine nahezu vollständige Heilung kann bei 0 liegen, während eine schwere Fehlheilung mit steifer Schulter, Kraftverlust oder Nervenschaden deutlich höhere Werte rechtfertigen kann. Die Richtwerte von 10, 20, 30 oder 40 bis 50 helfen bei der Einordnung, ersetzen aber keine individuelle Prüfung.
Wer einen Antrag vorbereitet, sollte deshalb nicht nur den Knochenbruch dokumentieren, sondern zeigen, was im Alltag dauerhaft nicht mehr funktioniert. Genau diese Verbindung aus aktuellen Befunden, messbarer Beweglichkeit und nachvollziehbaren Einschränkungen macht eine faire Entscheidung wahrscheinlicher.